Lange Zeit hatte sich der Kaiser gefreut, dass in seinem Reich die meisten Dinge wie von selbst sich erledigten. Das ging lange gut so und nur in seltenen Momenten befand er es für nötig, sich durch einen Hinweis in den Lauf der Dinge einzumischen.

Dann veränderte sich die Situation des Reiches ganz langsam, aber doch spürbar. Das Leben im Inneren ging nicht mehr so leicht vonstatten, die tägliche Arbeit erschien mühsamer, und der Ertrag wurde knapper. So erging es allen im Reich, und der Kaiser versammelte seine Berater um sich. Zu diesen Beratern gehörte damals auch Meister Ho, der durch Flucht der Herrschaft des Liu Zou Biao entflohen und erst nach dessen Tod zurück-gekehrt war. Alle gemeinsam drehten sie Gedanken hin und her, erwogen das Für und das Wider und kamen zum Schlusse, dass es an der Zeit sei, allgemeine Massnahmen zu ergreifen.

Sie schrieben eine Nachricht an das Volk, und diese wurde von den Ausrufern verkündet. Wie gross war ihre Überraschung, als sie bemerkten, dass das Volk das, was sie als einen Aufbruch nach vorne gemeint hatten, als einen Tadel am Volk verstand! Sie rieben sich die Augen und mussten feststellen, dass sich zwischen sie und das Volk ein Keil zu treiben drohte. Der Kaiser sass erneut mit seinen Beratern zusammen. Sie stellten sich gemeinsam die Frage, ob all das, was die Besonderheit des Reiches ausmache, bereits gefährdet sei und ob die alte Vision, die sich dem Kaiser einst in einer Gewitternacht offenbart hatte, noch gelte. Sie besprachen die Bilder dieser Vision und überraschender-weise war es nicht der Kaiser, sondern Meister Ho, der im Gespräch die zu den Bildern des Kaisers passenden Worte fand. Der Kaiser bat daraufhin Meister Ho, diese Worte, die seine Vision wiedergaben, doch aufzuschreiben. In irgendeiner Form müsse das ganze Reich wieder an die Vision erinnert werden.

Da diese Gespräche zu Tische und bei beträchtlichem Alkoholpegel geführt wurden, hatte Meister Ho am nächsten Tag Mühe, sich auch nur an einen kleinen Teil seiner Worte zu erinnern. Der Kaiser bestand aber auf seiner Vision. Und endlich erklärte sich Meister Ho bereit, sie aufzuschreiben. Zuvor noch sprach er zum Kaiser: «Geschätzter Kaiser, lieber Freund (es zeichnete das Reich aus, dass der Kaiser die Freundlichkeit zum Zentrum seiner Herr-schaft erhoben hatte), was du verlangst, werde ich versuchen. Bedenke aber eines: Die Vision ist dein Gesicht, also das, was du sahst, gerade weil du es sahst. Ich weiss nicht, ob das Aufschreiben deiner Bilder diese nicht verän-dert. Für mich ist das Aufschreiben ein bedeutsamer Vorgang, und was du lesen wirst, wird anders sein, als was du gehört hast, und was du gehört hast, hatte seinen Wert in der Erinnerung an das, was du einst gesehen hattest. So, wie die Olive im Inneren des gebratenen Ochsen nur noch dem empfindlich-sten Gaumen spürbar ist, wenn er ein Stück der Lende verzehrt, so wird auch mein Text nur noch eine fahle Erinnerung an dein Gesicht sein.» Diese Worte wollte der Kaiser eigentlich nicht hören, aber da Meister Ho sich doch zur Formulierung bereit erklärt hatte, sagte er nichts.

Nach wenigen Tagen erreichte den Kaiser die folgende Geschichte:


Des Kaisers Vision


aufgeschrieben von seinem Diener Ho, dem es eine Ehre und ein Privileg ist, seinem Kaiser auch widersprechen zu dürfen.


Vom alten Kaiser Mi Teh wird erzählt, er habe unter seiner ihm durch Geburt zugefallenen Stellung enorm gelitten. Das Privileg, Kaiser und vor allen ausgezeichnet zu sein, habe schwer auf seinen Schultern gelastet. Er habe sich nach einem einfachen Gespräch zwischen Menschen gesehnt und sei jedesmal ärgerlich geworden, wenn er in seiner Stellung als Kaiser angesprochen wurde. Wieso können die Menschen mit mir nicht wie mit einem Menschen umgehen? Was zeichnet mich vor ihnen aus? Die Menschen um ihn herum wurden durch seine Reaktion unsicher. Es war ihnen nicht verständlich, wie ein Kaiser, der ja alle Macht besass, unter dieser Macht leiden konnte. Vielleicht liebten sie ihn auch gerade wegen dieser Macht.

Nun gab es damals noch im Reiche das altehrwürdige Fest des Grossen Rumpels. An diesem Fest wurde alles zuunterst und zuoberst gekehrt. Und zu dieser Zeit war es erlaubt und möglich, den Kaiser wie einen normalen Menschen anzusprechen. Mi Teh nutzte seinerseits diese Zeit, um mit den Bürgerinnen und Bürgern des Reiches Gedanken auszutauschen. Und so sassen sie am Rande der Hauptstrasse mit einer Schale Tee vor sich, und die erstaunten Bürger hörten den Kaiser sagen: «Lieber Tsin Liu, denkst du, dass ich von der Tuchweberei mehr verstehe als du?» Da Tsin Liu ein weitherum bekannter Tuchweber war, der wegen seiner grossen Kunst verehrt wurde, konnte sich die Runde ein Lachen nicht verwehren. Und Tsin Liu, der nicht gelernt hatte zu lügen, sagte nur knapp: «Nein, verehrter Kaiser, das verstehe ich besser als du.» Und so fragte der Kaiser in der Runde umher. Jede und jeden nach seinen besonderen Fähigkeiten und immer erhielt er Tsin Lius Antwort. Da sagte er zu den Versammelten:

«Seht doch. Auf jede Frage erhalte ich dieselbe Antwort. Jeder von euch kann das, was er kann, besser als ich. Wie dumm müsste ich sein, um euch befehlen zu wollen, was gut für euch und dadurch auch für uns ist. Wie wüst wäre die Welt unserer Häuser ohne die Tücher Tsin Lius, wie fade die Suppen ohne die Kunst Dzao Bangs, der es versteht, die Zutaten nach ihrer Notwendigkeit zu mischen. Und so tragt ihr alle zum gemeinsamen Wohlergehen des Reiches bei.

Wenn wir so zusammen sitzen, dann ist mir wohl. Dann spüre ich, dass wir so zusammenleben können, dass jeder im Anderen das erkennt, was er selbst nicht hat und Gemeinsames und Fremdes zusammenwirft und zur Entfaltung bringt. Ich spüre dann eine stille Einigkeit. Dies auszusprechen ist allerdings verboten, weil es klingt, wie das etwas verunglückte Bild des Altmeisters Glou Tzi, das in meinem Schlafraum hängt und die über der grossen Mauer rot aufgehende Sonne im Osten des Reiches zeigt. Ihr kennt diese farbenprächtigen Bilder, die bewirken, dass wir uns schämen, wenn wir sie in der Natur wiedersehen. Also, jeder von euch tut das Seine, und genauso tue ich das Meine. Ich halte das Reich zusammen. Gibt es jemanden unter euch, der an meiner Stelle das Reich zusammenhalten möchte? Dessen Arme gross genug sind, dass er das Ganze umfassen kann, und die dennoch nicht so kräftig ausgelegt sind, dass er die, die er umfasst, erdrückt? Seht Ihr? So wie Tsin Liu der Meister der Tuchweberei ist, bin ich der Meister des Zusammenhalts. Und ich verdiene nicht mehr Ehre und Aufmerksamkeit als Tsin Liu. Namentlich bin ich nicht für seine Tücher verantwortlich.

Wenn nun jemand denkt, ich könnte meine Meisterschaft ohne euch ausüben, so muss ich ihn enttäuschen. Meine Aufgabe bringt es mit sich, dass meine Arme gar nicht kräftig genug sein dürfen, um das Reich zusammenzuhalten, wenn es denn auseinanderdrängte. Hätte ich diese Kraft, so würde ich euch erdrücken. Meine Meisterschaft besteht also darin, euch ein kaum spürbares Zeichen zu geben, wo der Rand des Reiches beginnt. Dies so, dass ihr wie eine Kugel im Spiel, den Rand nur leise berührt und gleich wieder ins Spiel zurückkehrt. Jeder von euch hat die Macht, über den Rand hinweg und aus dem Spiel hinauszuspringen, ja er hat sogar die Macht, die Grenze zu zerreissen. Meine Arme jedenfalls sind nicht genügend stark, um dies zu verhindern.

Ihr habt schon verstanden, worin meine Meisterschaft besteht: Ich bin nur deswegen der Meister des Zusammenhalts, weil ihr euch für den Zusammenhalt entschieden habt; und Ihr kennt übrigens auch den Unterschied zwischen einem Zusammenhalt, für den wir uns entscheiden und dem einfachen manchmal lästigen Aneinanderkleben sehr genau. Und aus all diesen Erwägungen wisst Ihr, dass Ihr euch gar nicht gegen mich entscheiden könnt. Dadurch täten mir lediglich die Arme weh, und die Menschen würden sagen: Seht, die Bewohnerinnen und Bewohner des Reichs haben sich gegen den Zusammenhalt entschieden und so dem Kaiser die Macht, die er hatte, genommen. Jetzt sind seine Arme zerstört und der Zusammenhalt des Reiches ist zerbrochen.

Heute ist der Tag des Grossen Rumpels und ich will euch ein Geheimnis verraten: Eigentlich sind meine Arme ganz kurz, und ich habe sie für meine Aufgabe noch nie gebraucht.»

Da sei der alte Kaiser Mi The ganz langsam und unscheinbar durchsichtig geworden und niemand habe ihn seitdem je wieder gesehen.


Epilog


Über ein Jahr, nachdem Meister Ho diese Geschichte aufgeschrieben hatte, rief ihn der Kaiser zu sich und sagte ihm: «Ich habe jetzt verstanden, was du mit deiner Einleitung und der Geschichte mit der Olive meintest, und ich habe auch verstanden, warum mich das Ende dieser Geschichte immer befremdet hat. Der Unterschied zwischen deiner und meiner Geschichte ist der, dass meine Arme lang und stark genug sind und dass ich bereit bin, sie zu gebrauchen.»

Meister Ho und die Vision